Auf der Suche nach Granit Rose und edlen Smaragden

In der Nacht regnete es leicht, was uns nicht gross störte. Am frühen Morgen und im Laufe des Vormittags klarte es aber mehrheitlich auf, und es blick trocken. Der Campingplatz «Domaine de Laneros» bietet so ziemlich alles, was man unterwegs benötigt. Das geht von Wäschewaschen, einem Spielplatz für Kinder bis in einen Food Truck frisch zubereiteten Pommes-Frites. Der sehr gepflegte Platz wird von einer netten und hilfsbereiten Familie geführt. Die Stellplätze sind grosszügig angelegt und mehrheitlich durch Hecken getrennt. Wir hatten für zwei Nächte gebucht und würden also nochmals hier übernachten.

Heute wollten wir einen ersten Teil der äusserst bekannten  Côte de Granit Rose (bretonisch: Aod ar Vein Ruz) besuchen. Dies ist ein Küstenabschnitt der nördlichen Bretagne zwischen Paimpol und Trébeurden. Wegen seiner bizarren Felsformationen aus rötlichem Granit, vor allem rund um Perros-Guirec, gilt er als Touristenattraktion. Seine eindrücklich charakteristische Färbung verdankt der Rosengranit seinem Gehalt an Hämatit und Alkalifeldspat. Der Rosengranit bildete sich vor ungefähr 300 Millionen Jahren. Aufgrund ihrer markanten Formen haben einige der oft hausgrossen Felsen Eigennamen erhalten, wie etwa Napoleons Hut, der dem Hafen von Ploumanac’h vorgelagert ist. Er erlangte besondere Berühmtheit, da die BBC am frühen Abend des 3. August 1944 mit der als Code gesendeten Frage «Le chapeau de Napoléon est-il toujours à Perros ?» der Résistance das Signal zum bewaffneten Aufstand gegen die deutsche Besatzungsmacht in der Bretagne gab.

Côte Granit Rose
Rosa Granit und smaragdfarbenes Wasser bei Pors Hir

Die Erosion der oben liegenden Erdschichten und die allmähliche Abtragung durch das Ansteigen des Meeresspiegels nach der letzten Eiszeit führten zur  Bildung der eindrucksvollen Felsformationen. Diese lassen sich am besten entlang des alten Zöllnerpfads («Sentier des Douaniers») zwischen den Ortschaften Perros-Guirec und Ploumanac’h bewundern. Diesen Abschnitt hebten wir den den morgigen Tag auf. Heute beschränkten wir uns auf die Gegend rund um das Naturschutzgebietes «Le Gouffre» (auch «Le gouffre de Plougrescant» genannt) nördlich von Crec´h Mélo.

Weltbekannt ist La Maison du Gouffre, ein kleines Wohnhaus, das direkt an der Küste zwischen zwei riesigen, zerklüfteten Felsen erbaut wurde und den Eindruck erweckt, dazwischen eingeklemmt zu sein. Es wird wohl privat genutzt, denn vor dem Haus war ein Fahrzeug parkiert. Zudem ist der Zugang nicht möglich. Aber auch aus der Distanz ist die einmalige und aussergewöhnliche Bauart äusserst eindrücklich.

La Maison du Gouffre
La Maison du Gouffre

Das Gebiet ist Teil der Gemeinde Plougrescant, die nördlichste Gemeinde der Bretagne. Sie liegt auf einer kleinen Halbinsel. Zur Gemeinde gehört die wenige Kilometer nordöstlich der Küste gelegene Île d’Er, eine kleine Insel in Privateigentum, die bei Ebbe für Spaziergänger erreichbar ist. Die 1’200 Einwohner zählende Gemeinde verzeichnet seit Jahren einen kontinuierlichen Rückgang der Einwohner. Vom Parkplatz aus gelangt man in wenigen Minuten zum La Maison du Gouffre und zum gleichnamigen Naturschutzgebiet. Der Spazierweg führt durch die zerklüftete Küstenlandschaft und gibt immer wieder neue Einblicke in diese Märchenlandschaft frei. Die smaragdfarbenen Spiegelungen des Wassers in Verbindung mit der mehrfarbigen Gesteinsformationen lassen der Fantasie keine Grenzen.

Le Gouffre
Unglaublich tolle Farbgebungen der Mutter Natur

Wir hätten noch Stunden hier verbringen können, mussten jetzt aber weiter. Mit dem Wetter und den Lichtverhältnissen hatten wir ein riesen Glück. Es hätte nicht besser sein können. Wir fuhren nun südwärts zur knapp 2’500 Einwohnern zählenden Ortschaft Tréguier.

Artischocken Felder nördlich von Tréguier
Artischocken Felder nördlich von Tréguier

Der Weg führte an grossen Artischocken Feldern vorbei. Wohl ein Zeichen des Dank des Golfstroms milden Klimas. «Val Trécor» wurde im Jahr 535 nach Christus erstmals mit dem gallischen Mönch Tugdual von Tréguier erwähnt. Er gründete hier ein Kloster. Seitdem ist Tréguier eine obligatorische Etappe des Tro-Breizh geworden, der Pilgerreise zu sieben bretonischen Gründerheiligen. Tugdual wurde um 542 zum Bischof von Tréguier geweiht. Es scheint, dass sich um sein Kloster bald eine bedeutende Siedlung entwickelte. Im Jahr 848 machte Nominoë, Fürst der Bretagne, aus der Klosterdiözese eine reguläre Diözese. Wenig später wurde Tréguier von den Normannen zerstört und von der Bevölkerung aufgegeben.

Im Jahr 970 wurde von Gratien eine neue Kathedrale gebaut, die er Tugdual weihte. Von diesem Bauwerk blieb ein Turm stehen, die Tour Hasting, der Name des Anführers der Normannen, die Tréguier ein Jahrhundert zuvor zerstörten. Die Cité hiess vom 11. bis zum 13. Jahrhundert Saint Pabu. Die heutige Kathedrale «La Cathédrale Saint-Tugdual» wurde ab 1339 errichtet und Ivo Hélory als Nebenpatron gewidmet, dem 1303 verstorbenen Schutzheiligen der Juristen, der aus Minihy-Tréguier stammt. Im Jahr 1412 bekam Tréguier Stadtrechte. Von 1450 bis 1479 wurde um die Kathedrale ein gotisches Kloster gebaut, in dem unter anderem Herzog Johann V. und Ivo Hélory bestattet wurden.

La Cathédrale Saint-Tugdual in Tréguier
Keltische Symbole im ältesten Teil der Kirche – dem Tour Hasting aus dem Jahr 970

Während der Französischen Revolution wurde das Bistum Tréguier aufgelöst. Die Kathedrale wurde zum Pferdestall umgewidmet. Nach dem Verlust des Status aus Diözesansitz ging es mit Tréguier bergab. Vor der Revolution hatte die Stadt mehr Einwohner als Saint-Brieuc, das heute 18 mal grösser ist. Auch wenn Tréguier an Bedeutung und Grösse verloren haben sollte, die Bäckereien sind immer noch einzigartig in Sachen Auswahl und Qualität. Wir haben uns entsprechend eingedeckt. Auf dem Retourweg zum Campingplatz machten wir am hübschen Hafen von Paimpol noch einen Kaffeehalt.

Paimpol (bretonisch Pempoull) zählt 7’200 Einwohner. Der bretonische Ortsname bedeutet «Am äussersten Ende der Wasserfläche». Paimpol liegt im Bereich starker Gezeitenunterschiede (Tidenhub bis über 12 Meter), so dass die Bucht, die den Ort mit dem Meer verbindet, regelmässig bis auf ein kleines Rinnsal trockenfällt. Der Fischerei- und Freizeithafen – einer der wichtigsten der Region – kann daher nicht durchgängig angelaufen werden. Der ausreichende Wasserstand in den beiden Hafenbecken wird durch eine Schleuse sichergestellt.

Der Freizeit- und Fischerhafen von Paimpol
Der Freizeit- und Fischerhafen von Paimpol

Mit dem Aufkommen des Kabeljaufangs im frühen 15. Jahrhundert wuchs die Bedeutung Paimpols als Fischereihafen. Um das Jahr 1700 wurde dort sogar ein spezieller Typ von Fangschiffen, die Goélette paimpolaise (Französich für für Paimpol’scher Schoner), entwickelt und gebaut. Die Flotten befischten weite Teile des Nordatlantik bis vor der kanadischen Küste und ab dem 19. Jahrhundert auch in isländischen Gewässern, und das unter härtesten Arbeitsbedingungen für die Mannschaften. Während der Fangsaison hatten die bretonischen Fischer in dieser Zeit ihren Stützpunkt im isländischen Fjarðabyggð. Dort gibt es noch heute ein französisches Museum, und die Strassennamen sind zweisprachig (isländisch und französisch). In der Blütezeit der Kabeljaufischerei lagen in der Winterzeit, also ausserhalb der Fangzeit) bis zu 80 Schoner in Paimpol vor Anker. Die nachfolgenden, zeitgenössischen Aufnahmen zeigen zwei solcher Goélette paimpolaise (Quelle: Internet). Die obere Aufnahme im Hafen von Paimpol und die untere auf Fischfang vor der Küste von Island.

Goélette paimpolaise
Goélette paimpolaise im Hafen von Paimpol (Quelle: Internet)
Goélette paimpolaise
Goélette paimpolaise auf Fischfang vor der Küste Islands (Quelle: Internet)

Den nächsten kurzen Halt legten wir im Naturschutzgebiet «Le Sillon de Talbert» ein. Dies ist eine aus Sand bestehende Landzunge, welche vor 6’000 Jahren entstanden ist und weit ins Meer hinausreicht. Ein Weg führt bis zur äussersten Spitze. Selbstverständlich müssen die Gezeitenströme vorher genau abgeklärt werden, sonst gibt es nasse Füsse.

Le Sillon de Talbert
Le Sillon de Talbert (Quelle: Internet)

Wir verschoben diesen Ausflug auf einen späteren Zeitpunkt. Für uns wurde es nun Zeit, zurückzukehren und eine Ladung Wäsche zu machen. Der Trockner war wohl etwas zu wenig heiss eingestellt, und so verwandelte sich der Innenraum unseres Büsschens in einen Trocknungsraum. Im Freien konnten wir nichts aufhängen, denn es setzte Regen ein.

Photo Galerie
«Ein toller Tag entlang der Côte Granit Rose»

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